Japanische Regeln und Eigenheiten

| 11. Mai 2012 | 0 Kommentare

Es gibt so ein paar Regeln, die für uns als Europäer doch ziemlich ungewöhnlich sind. Trotzdem haben sie hier in Japan ihre Wirkung.
Als ich heute zum Beispiel meine gerade gekauften Cracker auf der Straße aß, fühlte ich mich schlecht. Es gibt hier nämlich das ungeschriebene Gesetz, das besagt, dass man nicht im Gehen auf der Straße essen soll. Etwas, das bei uns eigentlich total normal ist. Jeder hat diese Regel schon einmal gehört, denn sie steht in jedem Reiseführer, aber was ist wirklich dran an diesem Verbot und gibt es eigentlich Ausnahmen?
Geht man über japanische Straßen, ist in der Tat festzustellen, dass hier niemand isst. Nur einmal habe ich auf dem Fahrrad einen jungen Mann von einem Hähnchenbein abbeißen sehen. Woran liegt es, dass hier niemand auf der Straße isst?
Essen ist in Japan eine wichtige Sache. Es geht um Gesundheit und gutes Essen wird sehr wertgeschätzt. Gerne trifft man sich zum Essen, es ist ein gesellschaftliches Ereignis. Ich könnte mir also vorstellen, dass es darum geht dieses Ritual nicht zu entehren, indem man das Essen einfach so beim Gehen auf der Straße zu sich nimmt. Essen ist eine Sache, die nicht nur so nebenbei macht, sondern hat einen viel höheren Stellenwert. Somit sind auch spezielle Etiketten beim Essen wichtig. Die Stäbchen (hashi) zum Beispiel werden in dem Sinne sehr ernst genommen, dass sie kein Spielzeug sind und nur zum Essen benutzt werden. Genauso sollte man die Stäbchen nicht in das Essen stecken, da dies nur auf Beerdigungen gemacht wird.
Eine Ausnahme was das Essen auf der Straße angeht sind aber Eis und verschiedene Dinge, die es an Straßenständen gibt. In Osaka zum Beispiel habe ich mit meinen japanischen Chefinnen mal Takoyaki (japanische Tintenfischbällchen) an einem Straßenstand gekauft und die haben wir auch dann gleich dort gegessen. Das gleiche passierte, als wir in Kyoto warme Mochi (Reiskuchen) am Stiel kauften. Trotzdem sieht man Eisdielen, wie wir sie aus Deutschland kennen eher selten. Eigentlich sehr schade, denn ich denke die Japaner würden es lieben! Immerhin stehen sie auch stundenlang an, um ein Ben & Jerry aus dem neuen Ben & Jerry Eisladen in Shibuya zu ergattern.
Eine weitere Regel, die ich aber eigentlich sehr sinnvoll finde, ist die, dass man in der Bahn nicht telefonieren sollte. Überall in den Bahnen stehen Schilder, die dazu auffordern hier nicht zu telefonieren und das Handy bitte auf lautlos zu schalten. Wie gesagt, die Regel finde ich sinnvoll. Man stelle sich vor, alle Geschäftsmänner, die mit der Yamanote Linie nach Hause fahren, rufen aus dem Zug schon einmal ihre Frau zuhause an, um zu sagen, dass sie jetzt Heim kommen. Das wäre einfach unerträglich.
Hygiene wird in Japan groß geschrieben, wie in kaum einem anderen Land und genau deshalb ist es hier auch ziemlich sauber. Die Straßen sind frei von Müll und auch in den Häusern findet sich nicht so viel Dreck, da man vor dem Betreten des Wohnbereiches die Schuhe auszieht. Sicherlich haben die meisten von euch schon einmal von dieser Regel gehört. Keine Schuhe im Haus. In den meisten japanischen Häusern findet man auf der Toilette Schlappen, die dazu da sind, sie in der Toilette anzuziehen. Als ungeübter Ausländer passiert es einem gerne mal, dass man ohne es zu merken in den Schlappen zurück in den Wohnbereich spaziert und damit erschütterte Blicke erntet. Man merke sich: Toilettenschuhe sind nur für die Toilette da.
Um noch einmal auf den Müll zurück zu kommen: Ich habe heute in Shibuya eine wahrlich revolutionäre Entdeckung gemacht – ein Mülleimer!
In einem Land, in dem die Regel gilt, dass jeder seinen Müll mit nach Hause nimmt und somit zum Wohl der Allgemeinheit beiträgt, habe ich ihn tatsächlich gefunden, den Mülleimer, der vielleicht eine Revolution bedeuten wird! Ist dies nur der Anfang? Und wie viele werden noch folgen? Es bleibt spannend in Tokyo.
Auch Christoph Neumann schreibt in seinem Buch „Darum nerven Japaner“ über die seltsame Gewohnheit der Japaner seinen Müll mit nach Hause zu nehmen. Abgesehen, dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, weil es auf den Straßen keine Mülleimer gibt, gilt es auch hier wieder dem Wohl der Gemeinde zu dienen. Inwiefern das funktioniert, indem man seinen Müll in Tüten gesammelt einfach auf die Straße stellt, bevor die Müllabfuhr kommt, bleibt fraglich. Auch ich wurde hier in Tokyo Zeuge von Müllsäcken, deren Inhalt von Krähen oder Katzen quer über die Straße verteilt wurde. Immerhin benutzen manche Leute ein dünnes, dunkelblaues Netz und werfen dieses über ihren Müll, um ihn vor Tieren zu schützen. Ob hier ein paar geschlossene Mülltonnen vielleicht die bessere Lösung wären?


„Nein“ sagen gilt als unhöflich. Ein „Nein“ hört man in Japan nur selten. Das wäre viel zu direkt. Wenn man höflich bleiben möchte, sollte man so etwas sagen wie, „es ist anders“ (chigau) oder man sagt „chotto“, was „vielleicht“ bedeutet, aber ein „Nein“ signalisiert.
All diese Regeln, vor allem jene, die das Miteinander betreffen, sind für uns manchmal schwer einzuhalten, da man von Natur aus einfach anders reagiert. Wenn ich etwas nicht möchte, sage ich „Nein“, aber auch nur, wenn es um eine fremde, aufdringliche Person geht. Am Wochenende zum Beispiel wurden meine Freundinnen und ich von einem sehr aufdringlichen Japaner angesprochen, der uns auf schon fast aggressive Art und Weise versuchte in irgendeinen Club oder eine Bar mitzunehmen. Da habe ich ihm einfach fest in die Augen gesehen und „Nein, Danke!“ gesagt, was ihn sehr vor den Kopf gestoßen hat. Das war mir in dem Moment aber egal, der kam mir so nah, dass es mir furchtbar unangenehm war und somit habe ich mich einfach nur gegen etwas gewehrt, das ich nicht wollte.
Das ist möglicherweise eine Sache, die Japanerinnen noch lernen müssen. Ich fürchte, dass die ein „Nein“ eher vermeiden möchten und sich somit in Diskussionen über etwas verwickeln lassen, das sie eigentlich gar nicht möchten.
Ich denke man muss als Ausländer einen gewissen Grad finden, was die Anpassung an die lokalen Gepflogenheiten angeht. Manchen Dingen komme ich gerne nach aber ich muss mich von niemandem zu etwas breit schlagen lassen, das ich nicht möchte und ich muss auch mit niemandem über irgendetwas reden, nur um höflich zu sein.
Ich finde es immer wieder lustig solche Berichte auch von anderen Ausländern zu lesen, denen so etwas auch schon einmal passiert ist. Man fühlt sich dann ein bisschen normaler mit seinen Gedanken und ich denke es ist sehr wichtig sich über so etwas auch mit anderen Ausländern auszutauschen, um im Fokus behalten zu können was einem selbst als richtig und was einem als falsch erscheint.
Falls ihr übrigens hierher kommt und vorher einen Reiseführer gelesen habt, in dem stand was ihr alles nicht tun dürft und nun das Gefühl habt, dass das hier ein total strenges Land ist, in dem als Ausländer fast keine Chance hat zu überleben, kann ich euch beruhigen. Die meisten Dinge werden von den Japanern selber gar nicht mehr so eng gesehen und wenn man das als Ausländer nicht genauso macht, ist das nicht schlimm.
Japaner lieben das Andere und unsere Andersartigkeit. Genau das finden sie interessant an uns und deshalb wird es uns auch schon mal verziehen, wenn wir ihren Gepflogenheiten nicht ganz nachkommen. Man kann sich hier getrost normal verhalten, ohne gleich negativ aufzufallen.

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Kategorie: Allgemein, Julies Reiseblog

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