Kabuki-Theater (ein Beitrag von Stef)

| 30. Oktober 2013 | 0 Kommentare

Grüße an alle Japan-Begeisterten da draußen!

Ich bin die Stefanie, runde 25, und komme aus dem wunderbaren Jena in Thüringen.
Seit Anfang Juni diesen Jahres wohne ich mit einem Work and Travel Visum in Japan.
Heute gibt es einen Gastbeitrag von mir, live aus Tokio, über meinen Besuch im Kabuki Theater.
Also, AKB48 Platte aus, Naruto Manga zu, und spitzt die Äuglein!

Im Nationaltheater in Chiyoda, Tokio, ging es am 23. Juni rund: Eine ca. 20 Mann starke Meute von ausländischen Schülern der Iidabashi Language School stürmte die Tore des Theaters und machte vor keinem Fettnäpfchen halt!

Grund des Aufruhrs war eine ‚Kabuki Appreciation Class‚ – eine Sonderaufführung extra für Grünschnäbel wie uns.

Vor der eigentlichen Aufführung des Stückes wurden das Theater, die Bühne, und verschiedene Elemente des Kabuki von zwei netten Herren vorgestellt, welche ein paar Minuten später selbst auf der Bühne als Akteure standen. Für alle Besucher wurden Audioguides in Japanisch oder Englisch angeboten, die über Funk zu jeder Zeit mit wichtigen, interessanten, und amüsanten Hintergrundwissen und Details sorgten.

Aber erstmal ganz von vorne…

der Haupteingang des Theaters

Ein Flyer der heutigen Aufführung: Momijigari (紅葉, dt. „Rote Blätter“ oder „Herbstlaub“)

Links der Krieger ‚Taira no Koremochi‚, in der Mitte ist die Prinzessin ‚Sarashinahime‚, und rechts ein Dämon.

 

die Empfangshalle

 

vermutlich das Maskottchen des Theaters

Kostüme wie zu alten Zeiten!

 

die Bühne

Dieser ‚Runway‘, der hier im Vordergrund zu sehen ist, heißt Hanamichi (花道, dt. „Blumenweg“), und ist eine Art Laufsteg durch das Publikum.

Er wird für die Versinnbildlichung verschiedener Fortbewegungen verwendet, wie z.B. einen Marsch durch eine Gebirgslandschaft, eine Schifffahrt über das Meer, oder auch abstrakte Dinge, wie in der Luft zu laufen. Er erzielt die Illusion einer dreidimensionalen Bühne und gibt dem Publikum ein Gefühl von Mitwirkung.

Ich durfte direkt daneben sitzen und war den Schauspielern wortwörtlich ‚zum Greifen nahe‘.

der Saal füllt sich

ein Teil der Meute

In der Mitte der Bühne befand sich eine bodenebene Drehscheibe mit einem Durchmesser von 20 Metern. Diese Scheibe besaß außerdem eine Hebebühne. Die Drehbühne und die Hebebühne wirken besonders gut bei einem Szenenwechsel bei offenem Vorhang. Im Kabuki sind rasche Szenenwechsel sehr effektvoll und kommen oft zum Einsatz.

Eine besondere Eigenart des Kabuki-Theaters ist, dass schwarz gekleidete und maskierte Männer sehr oft auf der Bühne zugange sind. Im Kabuki bedeutet Schwarz ’nichts‘, weshalb sie von den Zuschauern weitestmöglich nicht wahrgenommen werden sollen. Ihre Aufgabe ist es Requisiten hinzustellen oder wegzunehmen.

Die Schauspieler ziehen sich oft sehr rasch auf der Bühne um, um z.B. eine Verwandlung der Figur darzustellen. Bei diesen Verwandlungsszenen helfen ihnen solche ’schwarzen‘ Männer.

Eine weitere Eigenart ist das Reinrufen des Publikums.

Ab und zu konnte man während des Stückes aus verschiedenen Ecken des Saales Rufe aus dem Publikum hören.

Diese ‚Reinrufer‘ waren aber keine Zuschauer, die sich nach der nächsten Pause erkundigten.

Sie sind Mitarbeiter der jeweiligen „Ställe“ (Ausbildungsstätte) der Schauspieler und wurden genauestens geschult, zu welchem Zeitpunkt was gerufen wird. Dieses Element dient der Steigerung eines dramatischen Höhepunktes und bindet das Publikum mit ein.

Aber nun zur eigentlichen Aufführung!

Momijigari, die Kabuki-Adaption

Das Stück spielt während des ‚Momijigari‘, der Jahreszeit, in der sich das Laub verfärbt und es Einheimische in die Natur zieht. Momijigari ist quasi das Gegenstück zu Hanami.

Unter dem Vorwand einer herbstlichen Ahornblätter-Besichtigung besuchten Taira no Koremochi, ein bekannter Krieger, und seine zwei treuen Gehilfen den Berg Togakushi-yama. In Wirklichkeit ist er aber gekommen, um einen Dämon namens Kijo aufzuspüren und zu töten, welcher Hachiman, den Gott des Berges, seit langer Zeit plagt.

Am Berg angekommen trafen sie eine Prinzessin namens Sarashinahime, gefolgt von ihren Dienerinnen. Sie lud die Herren auf Sake und Tanz ein und gemeinsam verbrachten sie den Tag.

Als Koremochi im betrunkenen Zustand wehrlos schien, zeigte Sarashinahime ihr wahres Gesicht, nämlich jenen Dämon, den er zu finden versuchte, und griff ihn an. Koremochi jedoch entkam mit Hilfe seines Schwertes ‚Kogarasumaru‘ der Gefahr. Dieses Schwert war ein Geschenk von Hachiman und wehrte aus eigenem Willen alle Angriffe des Dämons ab. Schlussendlich gelang es ihm den Dämon zu töten und für Frieden zu sorgen.

Das Highlight des Stückes sind die deutlich unterschiedlichen Tänze eines Akteurs von zwei verschiedenen Charakteren. Zuerst der hypnotisierende Tanz der Prinzessin in der ersten Hälfte und dann der chaotische, Furcht einflößende Tanz des Dämon Kijo in der zweiten Hälfte.

Die roten Striche im Gesicht markieren gute Geschöpfe aus der spirituellen Welt, wie Gottheiten.

Sind die Striche braun, bedeutet es: Achtung! Dämon!

Diese Linien, zusammen mit übertriebenen Gesichtsausdrücken, wirken besonders gut, wenn die Charaktere an Höhepunkten des Dramas in der Bewegung innehalten und sich in Positur setzen, sodass so etwas wie ein stehendes Bild entsteht.

Übrigens: Der Akteur, der ‚Hachiman‘ spielte, war gerade mal 15 Jahre alt!

Er stammt aus der Familie Kikugoro, die seit Generationen ihren Kindern von klein auf die Kunst des Kabuki weiterreicht. Infos zu ihm und der Familie Kikugoro sowie Bilder findet ihr hier:

Onoe Ukon II (http://otowaya.ne.jp/en/news/)

Alle Akteure im Kabuki sind männlich. Selbst Frauen werden von Männern gespielt. Durch perfektionierte Posen und Bewegungen und einer typischen ‚falsetto‘ Stimme erzeugen sie eine übertriebene Form der Weiblichkeit – ein wichtiges Element dieser Kunst.

Vorhang zu!

Das Stück dauerte ungefähr 1 1/2 Stunden, was für ‚Kabuki-Verhältnisse‘ unglaublich kurz ist.

Manche Stücke spielen 4 bis 6 Stunden, andere sogar einen ganzen Tag.

Die Kunst des Kabuki ist geheimnisvoll, mitreißend, Respekt einflößend und gleichzeitig unglaublich schön anzusehen. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeit der starken Samurai und schönen Geishas. Es war ein Hauch von roher japanischer Kultur und bot einen flüchtigen Einblick in eine vollkommen andere Welt, die für Außenseiter wohl ein ewiges Rätsel bleibt.

Alles in allem war es eine wirklich einmalige, faszinierende Erfahrung!

– Stefanie, alias Sonne

P.S.: unter StefChan2013@gmail.com bin ich jederzeit erreichbar!

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Kategorie: Allgemein, Katharinas Reiseblog

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