Japanische Höflichkeit und Umgangsformen

| 20. April 2012 | 0 Kommentare

In dem Buch ‚Japan Unmasked‘, das ich hier auf dem Blog auch schon einmal vorgestellt habe, las ich, dass die Art, wie man etwas tut für die Japaner sehr wichtig ist. Richtige Umgangsformen gehören dort also zum Alltag und werden bis ins kleinste Detail befolgt und ausgeführt. Ich selber habe das natürlich jeden Tag mitbekommen und muss nun im Nachhinein feststellen, dass diese Dinge auch für mich schon zu einer Art Selbstverständlichkeit geworden sind. Zumindest dann, wenn ich in Japan bin.
Es beginnt mit dem freundlichen Umgang mit anderen Menschen. Ein höfliches Miteinander wird in Japan sehr groß geschrieben! Geht man zum Beispiel in einem Convini einkaufen wird man beim Eintritt erst einmal begrüßt. „Herzlich willkommen!“ , „Irashaimasse!“, auf Japanisch. Das ist zum einen sehr nett für den Kunden, aber auch eine Pflicht für die Angestellten. Befindet man sich unter einer Gruppe von Angestellten und begrüß den Kunden nicht, zeugt dies von mangelndem Fleiß im Job. Hier sieht man also sofort, dass die Umgangsformen sehr wichtig sind, gerade im Berufsleben. Wichtig ist auch, dass jeder Kunde so begrüßt wird und daher hört man an Ständen auf Festen oder auch in Kaufhäusern meist alle Verkäufer durcheinander rufen. Es gehört in diesem Fall für die Japaner zum guten Ton und wird von den Kunden auch sicherlich so erwartet. „Marktschreien“ würde man das bei uns nennen. In Japan funktioniert es. Hat man im Convini dann alles gefunden, das man gesucht hat, begibt man sich zur Kasse und auch dort wird man sehr höflich behandelt. Man wird angesehen und angelächelt, ein freundliches „Hallo!“ und mit schnellem Fleiß und Mühe werden die Artikel gescannt und es wird einem der Preis genannt: „Soundso viel bitte!“. Man gibt das Geld ab, der Verkäufer zählt es nach und nennt noch einmal die Menge an Geld, die man gerade abgegeben hat und wenn man etwas zurück bekommt, wird das auch noch einmal laut gesagt. Am Ende wird sich beim Kunden bedankt und auch der Kunde bedankt sich zurück.

 


Diese Prozedur ist eigentlich immer gleich und auch das zeigt ja, dass der Angestellte hier nach einem ganz bestimmten Schema vorgeht, welches ihm von seinem Chef beigebracht wurde. Eine sehr interessante Sache, finde ich, denn bei uns in Deutschland kann das vom sprachlichen Ablauf her ja eigentlich jeder regeln, wie er möchte. Manchmal wird einem hier auch noch ein schöner Tag gewünscht oder mit anderen freundlichen Floskeln variiert. In Japan ist das, was die Verkäufer sagen eigentlich immer gleich. Trotzdem sind sie meist höflicher, als die Verkäufer hier und sie wahren Augenkontakt, was ich persönlich sehr angenehm finde, da ich mich als Kunde dann bemerkt und wahrgenommen fühle. Das sind so Kleinigkeiten im japanischen Alltag, die man vielleicht gar nicht so bemerkt, aber sie sind da und es fällt einem irgendwie auf, dass sie fehlen, wenn man wieder zurück in Deutschland ist.
Bemerkenswert finde ich auch die Höflichkeit unter Japanern, wenn sie sich das erste Mal treffen. Da gibt es dann auch wieder Floskeln, man verbeugt sich und meist wird auch noch die Meishi, die Business Card ausgetauscht. Das tut man aber auch nicht irgendwie, sondern man nimmt die Karte des Gegenübers mit beiden Händen (!) entgegen, schaut sie ehrwürdig an und legt sie respektvoll erst einmal auf den Tisch (nicht sofort wegpacken!). Dann zückt man die eigene, die man am besten fein säuberlich in einer Kartenschatulle aufbewahrt, damit sie nicht zerknickt und überreicht auch diese mit beiden Händen und mit Verbeugung. Im Prinzip muss man sich in diesem Moment zwei nach vorne gebeugte Menschen vorstellen, die sich voreinander verbeugen und sich bedanken und all das wegen einem „Stück Papier“. Dieses „Stück Papier“ allerdings, ist in Japan sehr wichtig und am besten hat man auch eine schön gestaltete Business Card, denn sie ist definitiv ein Aushängeschild. Die Japaner sind meist sehr stolz auf ihre Karte, denn mit dieser geben sie ja ihre Identität weiter und zeigen auch ihre berufliche Stellung. Wenn man so eine Karte erhält, sollte man sie mit Respekt behandeln und auf gar keinen Fall einfach in die Hosen- oder Jackentasche, sondern wenn möglich in einen extra Behälter für diese Karten oder eben in die Geldbörse stecken.
Auch hier sehen wir wieder die Art und Weise, wie man etwas richtig tut. Als Deutscher macht man sich über die Art, wie man eine Business Card übergibt doch absolut keine Gedanken (oder?). Man holt sie halt raus und gibt sie weiter. Die Bedeutung dessen ist aber gar nicht so groß, wie in Japan.
Diese Umgangsregeln sind vor allem dann wichtig, wenn man sich mit Japanern beruflich trifft. Auch wenn die meisten nicht erwarten, dass man die japanischen Umgangsformen perfekt beherrscht, so macht es doch einen guten Eindruck und man kommt nicht sofort rüber, wie ein ausländischer Klotz.
Eine weitere Sache, die mich beeindruckt hat, war die Höflichkeit, mit der sich Jugendliche untereinander begegnen. Auch hier wird sich voreinander verbeugt und man ist sehr freundlich, wenn man sich kennen lernt. Man stellt sich ordentlich vor und sagt „Es ist schön, dich kennen zu lernen!“. Hier in Deutschland läuft das ja meistens irgendwie schlichter ab, finde ich.
Man bekommt aber trotzdem keinen Kulturschock, wenn man zurück nach Deutschland kommt, denn irgendwie ist man die Art hier ja sein ganzes Leben lang gewohnt gewesen. In manchen Situationen ist es auch einfach etwas entspannter, denn man ist als Deutscher in Japan ständig darum bemüht die Höflichkeitsfloskeln zu verstehen und sie zu befolgen. Man sollte sich aber nicht allzu viele Sorgen darüber machen, denn die meisten Japaner sind sehr locker und freundlich und wie ich es auch schon einmal gesagt habe, verzeihen sie einem auch Fehler. Man lernt so nach und nach wie man sich zu verhalten hat und wenn man nicht allzu unsensibel ist, kann man auch eigentlich nicht allzu viel falsch machen.
Generell geht es darum die Harmonie nicht zu stören und so lange man nicht nur negative Dinge sagt, stößt man auch eigentlich niemanden vor den Kopf. Sorgen, Trauer und andere negative Dinge gehören einfach nicht in den Freundeskreis und man spricht nicht darüber. Man kann es probieren, viel mehr als ein „Es wird schon okay sein!“ bekommt man dann aber nicht zurück. Diese Dinge hebt man sich am besten für das Skypen mit Freunden oder mit der Familie zuhause auf. Man lässt in Japan nämlich nicht einfach so seine Maske fallen, denn man möchte ja ein bestimmtes Gesicht wahren und so etwas wie Sorgen und Trauer gehören da eben nicht zu. Man behält private Dinge für sich, um andere nicht damit zu belästigen. Um die Gruppe zu unterstützen, möchte man eigene Stärke beweisen. Es ist eine große Selbstlosigkeit, die hier im Vordergrund steht und ich habe bisher noch keinen Japaner getroffen, der total von sich eingenommen war oder sich selbst als das Tollste angesehen hat. Auch Bescheidenheit ist eine sehr wichtige Sache in der japanischen Gesellschaft. Wenn man zu hören bekommt, dass man etwas gut kann, antwortet man am besten: „Nein, ach, ich habe noch lange nicht genug geübt!“. Man verneint also immer solche Dinge und kein Japaner würde jemals sagen, wie gut und begabt er in einer bestimmten Sache ist. Das gehört sich einfach nicht.
Im Großen und Ganzen würde ich einfach sagen, dass es immer gut ist den Ball flach zu halten und sich bescheiden zu geben. Gerade auch, weil man in einem Land zu Gast ist und sich dort von seiner besten Seite zeigen sollte. So lernt man viele nette Menschen kennen, die einem die eigene Kultur beibringen und das auf eine ganz tolle und selbstlose Art und Weise!
Ich bin so dankbar für alles, das mir dort von meinen Freunden und auch von meiner Gastmutter gezeigt wurde! Es waren wunderschöne Erlebnisse, die ich dort sammeln konnte.

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Kategorie: Allgemein, Julies Reiseblog

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