Von Farm zu Farm – das Leben als WWOOFer

| 23. November 2013 | 0 Kommentare

~ Wer jetzt denkt, ein Déja-vu zu erleben, der liegt nur so halb falsch: Diesen Artikel habe ich schon letzten Monat gepostet, allerdings zusammen mit dem wunderbaren Kabuki-Beitrag (sehr lesenswert!) von Stef. Irgendwie habe ich die Befürchtung, dass dieser kurz vorher veröffentlichte Artikel übersehen von einigen Lesern übersehen wurde. Da er aber ein sehr informatives Interview enthält, wollte ich ihn nochmal aktuell platzieren.

Also für alle, die schon vom WWOOFen gelesen haben: Sorry, bald gibt es hier auch neues Lesefutter.

Allen anderen wünsche ich ganz viel Spaß mit dieser faszinierenden Form des Reisens! 🙂

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Einer der häufigsten Sätze, den man in Reiseführern über Japan lesen kann, ist dieser hier: „Japan ist teuer!“ (Eventuell habe ich das auch schon mal fallen lassen…) Was also kann man tun, wenn man sich mit geringem Budget in Japan aufhalten und möglichst viel vom Land sehen möchte?

Die Antwort lautet: WWOOFing!

 

Beim WWOOFing handelt es sich, grob gesagt, um Farmarbeit. Als WWOOFer bietet man seine Arbeitskraft an und erhält dafür im Gegenzug Kost und Logis. Über das Internet kann man sich über verschiedenste Farmen schlau machen. Auf diesen arbeitet man dann in der Regel 6 Tage die Woche. Als Richtlinie für die Arbeitszeiten sind sechs Stunden pro Tag einzuplanen. Seinen freien Tag kann man natürlich nach Belieben gestalten: eine Erkundungstour auf eigene Faust oder vielleicht ein Ausflug mit anderen WWOOFern oder der Gastfamilie? Ein Gehalt in dem Sinne gibt es nicht, den Lohn stellen eben Unterkunft und Verpflegung dar.

31 Ausflug an einem freien Tag

Auf dieser Internetseite kann man sich genauer über WWOOFing informieren: http://www.wwoofjapan.com/main/index.php?lang=en

Hier kann man sich auch anmelden, wenn man sich dazu entschlossen hat, tatsächlich WWOOFing betreiben zu wollen. Das Prozedere sieht so aus, dass man sich für einen Beitrag von rund 50,- € (5.500 Yen) als WWOOFer registrieren kann. Für diese Gebühr erhält man ein Jahr lang die Möglichkeit, die Profile der verschiedenen Farmen (also eurer potenziellen „Hosts“) anzusehen und vor allem sich bei ihnen zu bewerben. Damit das WWOOFing seriös bleibt und sich keine (oder zumindest möglichst wenige) schwarze Schafe unter die Anbieter mischen, können nur registrierte Mitglieder WWOOFer auf ihren Farmen beherbergen bzw. als solche auf Farmen arbeiten. Auch über diese Internetseite kann man dann bequem seine Anfragen per E-Mail verschicken: Man erzählt ein bisschen über sich, warum man sich für die entsprechende Farm interessiert, welche Aufgaben man gerne übernehmen würde und natürlich welcher Zeitraum einem so vorschwebt, um auf dieser Farm zu leben und zu arbeiten. Je nach Anbieter erhält man mehr oder weniger schnell eine Antwort. 😉

Hinweis: Nicht nur Japaner, sondern auch Ausländer bieten Plätze für WWOOFer an! Zusätzlich gibt jeder Host an, welche Sprachen auf seiner Farm gesprochen werden, sodass man sich – des Japanischen unkundig – auch Farmen suchen kann, auf denen es Englisch sprechende Farmer gibt. (Das können natürlich Japaner und Ausländer sein.)

31 ein Teil der Felder meines ersten Hostes

Die meisten Farmen sind natürlich eher ländlich gelegen, oft hat man aber auch eine gute Anbindung zu interessanten Touristenzielen. (Wobei es ja auch sehr schön sein kann, sich fernab von den überlaufenen Hotspots aufzuhalten und quasi das unberührte Japan kennenzulernen.) Als Schwerpunkte denkt man bei den Farmen wohl an Gemüseaufzucht oder Viehbetriebe. Aber auch einige Hotels oder Restaurants bieten sich als Hosts an.

Hinweis: Über die Wintermonate ist es in der Regel schwieriger, geeignete Hosts zu finden, da es zur kalten Jahreszeit einfach weniger Arbeit gibt.

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Um euch ein paar Eindrücke zu vermitteln, hat sich eine liebe Freundin dazu bereit erklärt, mir ein paar Fragen zu beantworten. Ich selbst konnte das WWOOFing bisher leider nicht ausprobieren, May ist aber schon lange auf diese Weise in Japan unterwegs, sodass ihre Erlebnisse und Erfahrungen den Unentschlossenen oder Neugierigen unter euch sicher weiterhelfen. 🙂

Interview mit May:

W&T Japan: Hallo May! Seit einigen Monaten bist du als WWOOFer in Japan unterwegs. Warum hast du dich dafür entschieden?

May: Ein Work and Travel Visum bekommt man nur einmal in seinem Leben pro Land, deshalb will ich unbedingt das gesamte Jahr in Japan verbringen. Das wäre aber unmöglich, wenn ich immer in Hotels wohnen würde, dann wäre mein Budget nach spätestens zwei Monaten aufgebraucht gewesen. Durch WWOOFing habe ich kaum Eigenkosten, lediglich die Fahrtkosten von einem Host zum nächsten.

W&T Japan: Und mit welchen Erwartungen bist du zu deiner ersten Farm gefahren?

May: Erwartungen hatte ich nicht wirklich welche, eher ein bisschen die Befürchtung, ob es mit der Kommunikation klappen würde. Prinzipiell bin ich aber davon ausgegangen, dass der Host weiß, was zu tun ist, da ich ja nicht sein erster WWOOFer sein würde.

W&T Japan: Erzähl doch mal von deinem Alltag: Wie sieht ein normaler WWOOFing-Tag aus?

May: Ich bin jetzt bei meinem 9. Host und der Alltag ist natürlich von Farm zu Farm unterschiedlich. Von Gemüsefarmen über Kuhfarmen (Melkanlage) bis hin zu Restaurants und einem Ryoukan (traditionelles japanisches Hotel) versuche ich, alle möglichen verschiedenen Arten von WWOOF-Hosts mitzunehmen. Die Arbeitszeiten und -bedingungen als auch die Verpflegung und der Umgang mit den Leuten sind dementsprechend sehr verschieden. Prinzipiell fordert das WWOOF-System sechs Arbeitsstunden an sechs Tagen die Woche. Bei zwei Hosts war es bisher etwas kürzer, bei einigen anderen etwas länger. Je nachdem, wie gut man sich mit dem Host versteht, hilft man aber auch gerne freiwillig länger.

 

W&T Japan: Und wie gestaltest du deine freien Tage?

May: An freien Tagen besuche ich nahgelegene Städte, Tempel, Schreine, Parkanlagen, Museen, gehe Souveniershoppen. Allerdings habe ich mich manchmal gefragt, ob das denn alles ist… Dadurch, dass ich i.d.R. alle zwei Wochen den Ort wechsle, habe ich keine Leute, um etwas gemeinsam zu unternehmen, außer man hat mit anderen WWOOFern am gleichen Tag frei. Momentan befinde ich mich durch gewisse Umstände bereits vier Wochen am gleichen Ort und es gibt hier zwei junge Frauen, die Deutsch lernen, weshalb eine der beiden sehr häufig vorbeikommt. Mit ihr, dem Sohn der Familie und einigen anderen Leuten bin ich zum Karaoke gegangen und werde wieder gehen.

Immer nur kurze Zeit an einem Ort zu bleiben, war meine Entscheidung, weil ich viel von Japan sehen will. Natürlich kann man auch mehrere Monate bei einem Host bleiben, dann bilden sich sicherlich auch festere Freundschaften und die Freizeitgestaltung sieht dann womöglich noch viel landestypischer aus.

W&T Japan: Ich kann mir vorstellen, dass beim WWOOFen nicht immer nur „die Sonne scheint“. Hattest du schon einmal richtig Probleme auf einer Farm oder ist etwas völlig Unerwartetes passiert?

May: Von meinen neun bisherigen Hosts hat es mir bei dreien nicht gefallen. Einmal war die Küche sehr abartig, und das obwohl dort Essen für Gäste zubereitet wurde! Außerdem gab es dort eine alte Frau, die WWOOFer nicht leiden konnte, uns ständig als Idioten beschimpfte und meinte, wir sollten in unser Land zurückkehren, wenn wir kein Japanisch sprechen könnten!

Ein andermal bestand meine Arbeit nur aus Unkrautjähten und Würmer einsammeln – sechs Tage die Woche sechs Stunden lang. Außerdem lebten in meinem Zimmer zu viele unliebsame Insekten.

Beim dritten Mal war die Hostfrau selbst einfach unerträglich. Sie hat lange Arbeitszeiten gefordert, wollte, dass wir in den Pausen noch ihren Haushalt machen und war prinzipiell nie mit unserer Arbeit zufrieden. Das war der einzige Ort bisher, von dem ich drei Tage eher als geplant abgereist bin.

W&T Japan: Aber insgesamt bist du schon zufrieden? Was war denn bisher deine schönste Erfahrung als WWOOFer?

May: Ja, insgesamt ist es eine gute Erfahrung. Man lernt so viele verschiedene Leute kennen, kann quasi hinter die Kulissen gucken, wo der Standard-Tourist nur die Fassade sieht. Eine spezielle Erfahrung gibt es eigentlich nicht. Jeder Ort hat etwas für sich, manchmal sind es die Leute, manchmal etwas, das man bei seinen Streifzügen entdeckt hat. Das Land ist hier so flach (derzeit), dass ich mich manchmal einfach total freue, wenn ich mit dem Rad durch die Gegend fahre, die Sonne scheint und man irgendwie das Gefühl hat, frei zu sein. ^^ Ich würde ohne zu zögern noch ein paar Jahre WWOOFing dranhängen, wenn es möglich wäre. =)

 

W&T Japan: Hast du Tipps für WWOOFer-Neulinge? Worauf sollte man unbedingt achten?

May: Keine Angst vor Neuem! Man sollte natürlich der aufgeschlossene Typ sein, der sich gut und schnell auf neue Leute und Begebenheiten einlassen kann. Außerdem darf man mit der Unterkunft nicht pingelig sein, wer immer ein klinisch reines Zimmer erwartet, ein fluffiges Bett, täglich ein 5-Gänge-Menü – der wird definitiv enttäuscht. Und man sollte wissen, dass es kein Urlaub ist. Man hat zu arbeiten. Wie lange und wie hart, variiert, wie bereits erwähnt. Es ist aber nicht so, dass man permanent schuften muss. Manche Hosts nehmen es auch selbst sehr gemütlich, andere arbeiten länger als man als WWOOFer arbeiten muss. Ich für meinen Teil mag es, wenn mir eine Arbeit anfangs gezeigt wird und ich sie in den folgenden Tagen dann eigenständig ausführen kann. Selbstverantwortung und Motivation sollte man also mitbringen. Weder für einen selbst noch für den Host ist es spaßig, wenn alles dreimal gesagt werden muss (so empfinde ich zumindest).

Zu guter Letzt sollte man sich Hosts suchen, deren Sprachprofil (einzusehen in der WWOOFer-Website) dem eigenen entspricht. Die meisten Hosts, die ich bisher getroffen habe, sprachen gutes bis mäßiges Englisch. Es gibt aber auch viele, die nur Japanisch sprechen können. Letzteres ist zwar sehr gut, um Japanisch zu lernen, aber zumindest einen Grundwortschatz sollte man beherrschen, ansonsten wird es schwierig für beide Seiten.

W&T Japan: Vielen Dank, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Und für deinen weiteren Weg als WWOOFer wünsche ich dir natürlich wahnsinnig viel Spaß, tolle Hosts und interessante Aufgaben! 🙂

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Wer mehr über May erfahren möchte, kann sich hier ihre exklusiven Berichte mit vielen Bildern ansehen: http://www.traveloca.com/japanjahr/ Sie erzählt sehr ausführlich von ihrem Leben als WWOOFer, ihrem Alltag und ihren Erlebnissen außerhalb der Farmen. Sie beschreibt alles sehr ehrlich, sodass ihr hier einen guten Eindruck vom WWOOFing erhalten könnt. (Die Fotos in diesem Beitrag sind übrigens auch allesamt von May – vielen Dank nochmal dafür!) 🙂

 

Zusammenfassend könnten wir also die folgende Tabelle über Vor- und Nachteile des WWOOFens aufmachen:

Vorteile:

–          sicher die kostengünstigste Art von Unterkünften

–          man erhält Einblicke in das echte japanische Leben

–          man lernt viele Leute kennen: sowohl die (einheimischen) Hosts als auch andere ausländische Mit-WWOOFer

Nachteile:

–          auch wenn detaillierte Profile von den Hosts im Internet zu finden sind, weiß man doch nie vorher, an welche Leute man gerät und ob „die Chemie stimmen wird“

–          die Arbeit ist oft anstrengend oder die Arbeitszeiten ungünstig verteilt, sodass man nach Feierabend tot ins Bett fällt oder es zeitlich auch nicht anders möglich ist, als nur an seinem freien Tag Japan zu erkunden

Ob es ein Vor- oder Nachteil ist, dass man statt einem Gehalt Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf erhält, muss jeder selbst entscheiden.

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Ich hoffe, der eine oder die andere hat nun eine völlig neue Form des Reisens in Japan kennengelernt. Allen, die ihre eigene WWOOFer-Karriere anstreben oder sogar schon tatkräftig dabei sind, wünsche ich viel Energie für die teils wirklich anstrengende Arbeit und natürlich immer nette Hosts! (:

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Kommentare (0)

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  1. svenja sagt:

    Hallo,
    danke für das Interview 🙂 Ich informiere mich derzeit über Wwoofing und möchte in den nächsten Wochen damit starten 🙂 Ich möchte auch gerne mehrere Monate oder auch Jahre auf diese Weise reisen – je nachdem wie es mir gefällt und wie meine finanziellen Mittel aussehen ^^ Ist es den in Japan möglich, dass man als deutscher ein Visum für ein ganzes Jahr erhält? Und sollte man bei der Einreise lieber ein Hotel/ Hostel angeben, wo man schläft als die Addresse des Hosts? Hast du auf deinen Höfen viele andere Wwoofer kennen gelernt, ich fände es toller, wenn man nicht der einzige Wwoofer ist ^^ Und zu guter letzt, gibt es in Japan eine Vielzahl von Höfen, so das man leicht die Städte wechseln kann oder ist eine lange Anfragezeit nötig?

    Liebe Grüße und viel Spaß beim Weiterreisen
    Svenja

  2. Marv sagt:

    Heyho 🙂
    Bist du inzwischen wieder in Deutschland? Schade, dass es seit einiger zeit keine neuen Artikel mehr gibt :/. Mein Gap Year beginnt Ende Oktober, ich freu mich schon auf Fukuoka :)!
    Liebe Grüße,
    Marv

  3. miya sagt:

    Zunächst mal vielen Dank für die Einblicke!
    Ich bin gerade dabei, mich für ein Working Holiday-Visum zu bewerben und würde gerne wissen, ob ihr das WWOOFing auch in euren Bewerbungsunterlagen (Motivationsschreiben/Activity Outline) erwähnt habt.
    Viele Grüße,
    miya (^__^)/

  4. May sagt:

    Oh, it’s me, it’s me!! *g*

    Aber von tot ins Bett fallen hab ich doch gar nichts erwähnt… also nach „guter deutscher Arbeitsmoral“ habe ich bisher fast nie die Arbeit als sehr anstrengend empfunden. Ich glaub sogar, sagen zu können, dass es nach meinem ersten Host jedes Mal ein bisschen gemütlicher wurde. =)

    • Katharina sagt:

      Das ist sehr löblich von dir! 😉
      Von anderen hatte ich schon gehört, dass das WWOOFen sehr anstrengend sei. Aber so klingt das natürlich gleich noch besser. ^^

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